Kulturelle Differenzen gibt es nicht! – ?

Kulturelle Differenzen gibt es nicht! – ?
oder zumindest ist das das falsche Konzept, sagt erneut François Jullien. Für ihn impliziert es Gräben, Trennendes, Gegensätze.
Wer wie er Kultur als Ressource denkt (siehe hier), dem ist der Gedanke kultureller Abstände und Entfernungen plausibel. Die sind relativ und dynamisch – veränderbar, wenn idealerweise beide Seiten sich bewegen. Das führt nicht schlicht zu Annäherung – in den Zwischenräumen kann Neues entstehen. So wird auch der etwas überholte Begriff des Interkulturellen wieder relevant – wenn es um aktive Gestaltung von Bezügen geht. Mir scheint dieser Ansatz für die Unternehmenspraxis sehr hilfreich. Wer kulturelle Unterschiede in Abstände übersetzt, begreift nicht nur, dass Haltungen und Einstellungen im Sinne eines Cultural Mapping relativ zur Position des jeweiligen Beobachters sind, für stark hierarchisch geprägte Kulturen also egalitäre Strukturen besonders auffällig und herausfordernd wirken. Sondern auch, dass beide Kulturen im Kontakt aufeinander einwirken, im Sinne einer Verstärkung, schlimmstenfalls auch Verstörung und Verletzung, die in Abwehr münden kann. Darüber sollte sich zum Beispiel jeder Mitarbeiter im Auslandseinsatz klar sein: die ihm selbstverständlichen Haltungen und Lebensstile hinterlassen einen Eindruck im Gastland, nicht immer einen guten. Wer das begriffen hat, denkt mit, was er beim Anderen auslöst. So kann man Entfernungen ausloten, Annäherung in Gang bringen und neue Positionen gestalten, den eigenen kulturellen Rahmen verändern ohne ihn aufzugeben. Das klingt anstrengend – für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern und effiziente Arbeit im Team dürfte sich die Mühe aber lohnen.

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