Es gibt keine Kulturelle Identität….

Es gibt keine Kulturelle Identität……schreibt der französische Philosoph und Sinologe François Jullien in seinem gleichnamigen Buch. Wer das von mir hört, zuckt üblicherweise erst einmal zusammen.
Von kultureller Identität ist schließlich ständig die Rede, in aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten. Und irgendwie trifft der Begriff doch ein gängiges Bauchwohlgefühl. Aber man muss nicht Philosophie studiert haben, um einzusehen, dass Jullien recht hat. Was heißt schließlich Identität? Übereinstimmung in allen Merkmalen. Und das dann bitte noch über die Zeit. Also ein Synonym für Langeweile, Stillstand, Erstarrung. Die Wirklichkeit sieht zum Glück anders aus. Sie hält bereit: Vielfalt, Wandel, Veränderung, damit auch Fortschritt, Innovation, neue Horizonte. „Alles fließt“, sagt Heraklit – Philosophie hilft manchmal doch. Gesellschaftspolitisch ist das allemal relevant – aber was heißt das für international tätige Unternehmen? Ziemlich viel Bedenkenswertes. Jullien spricht von Kultur als Ressource – und wer wüsste besser als Unternehmen, dass Ressourcen nur dann Wert haben, wenn sie gehoben, weiterverarbeitet und transformiert werden. Eine treffende Beschreibung gesellschaftlichen Wandels. Und eine Rezeptur für Unternehmen im Auslandsgeschäft: Kultur als Ressource, und zwar die „eigene“ wie die der internationalen Kunden, Partner und Mitarbeiter. Die erst im Zusammenspiel etwas Gutes hervorbringen – nicht zuletzt gute Geschäfte. Hier geht es um weit mehr, als Protokolle, Rituale und Tabus anderer Länder zu kennen. Sondern um ein Bewusstsein eigener kultureller Ressourcen und darum, diese im Austausch mit anderen Kulturen klug und bedacht einzusetzen, Veränderungen anzustoßen und zu verstehen, was diese für alle Beteiligten bedeuten. Diese Kompetenz sollte ins Gepäck jedes Geschäftsreisenden gehören.
Und wer zuhause bleibt: auch in nationalen Teams greift Diversität zu kurz, wenn sie sich auf Quoten und einen Mix von Geschlechtern, Religionen, Hautfarben und sexuellen Präferenzen beschränkt. Gemischte Teams entfalten ihre Wirkung erst dann, wenn ein Zusammenspiel von Erfahrungen, Hintergründen und Haltungen angeschoben wird – mit allen Widerständen. Sonst bleibt es beim bunten Multikulti und Offenheit als Selbstvermarktungstool.

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